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Hat eine Skoliose Auswirkungen auf die Psyche?

Skoliose und die Auswirkungen auf die Psyche

Wissen Sie was eine Skoliose ist?
Es handelt sich um eine dreidimensionale Wirbelsäulenverkrümmung, die oft schon im Kindesalter
entdeckt und dann auch behandelt wird. Manchmal aber auch erst im Erwachsenenalter bemerkbar
wird durch Schmerzen in unterschiedlichen Regionen des Körpers oder verändertes Aussehen. Diese Menschen sind nicht in ihrer Mitte, nicht im Lot, nicht aufgerichtet. Es kommt zu einer Verformung des Körpers und einem Längenverlust der Wirbelsäule. In 80-90% der Fälle ist die Ursache nicht erklärbar.

Durch diese Veränderung der Wirbelsäule kann es, neben dem kosmetischen Problem, auch zu
Schmerzen und Atemproblemen kommen.

Die Behandlung besteht meistens aus:
- Schroththerapie, eine spezielle Behandlungsform in der Physiotherapie
- Osteopathie
- evtl. Korsettversorgung /Orthopädiemechaniker
- evtl.Operation
- Drehwinkelatmung/Atemtherapie
- Sportaktivitäten

Jetzt stellen Sie sich ein 12 jähriges Mädchen und dessen Eltern vor, das eine Skoliose vom Arzt
diagnostiziert bekommen hat. Die Wirbelsäule ist schief, es ist sichtbar, es steht eine Korsettversorgung oder eine OP Indikation im Raum, mögliche Komplikationen bei einer späteren Schwangerschaft werden schon angesprochen und das Mädchen soll möglichst viel Sport machen, zur Physiotherapie gehen, 23 Stunden ein Korsett tragen, immer wieder Arztbesuche und Termine beim Orthopädiemechaniker zur Korsettanpassung…

Überforderung, Angst und Unsicherheit pur bei dem Mädchen und seinen Eltern!

Mittlerweile gibt es im Internet einige Informationen zum Thema Skoliose und es wird dann sehr zeitnah eine Physiotherapie aufgesucht, um die Wirbelsäule wieder aufzurichten, viel Sport gemacht, um die Muskulatur zu stärken, ein Korsett getragen zur Progredienzvermeidung und möglichst auch Verbesserung. Aber wenn man sich diese Ziele der Skoliosebehandlung anschaut, dann wird schnell klar, das es nicht nur eine physische, sondern im gleichen Maße eine psychische Herausforderung ist. Wenn Sie sich die 3 Begriffe Lot, Aufrichtung und Mitte genauer betrachten, wird deutlich, das sich innen und außen bedingen. Wie kann ich innerlich in meiner Mitte sein, wenn ich im außen nicht gerade stehe? Wie kann ich Rückgrat zeigen und meine Meinung sagen, wenn ich nicht äußerlich aufgerichtet bin? Wie kann ich mich groß machen, wenn ich innerlich keine Hoffnung habe und mich klein fühle?

Die Psyche hat Einfluss auf den Körper und der Körper hat Einfluss auf die Psyche, d.h.innen und
außen bedingen sich immer.

In der Physiotherapie sieht man sehr schnell, das der Körper mehr Arbeit leisten muss, denn der
Körper ist unflexibel und die Faszien verändern nicht nur die Haltung im Rücken, sonderm haben
Einfluss auf den ganzen Körper. Die Atmung ist oft flacher, weil die Lunge nicht den Raum im Körper einnehmen kann durch die Verformung der Wirbelsäule, den es eigentlich braucht. Sitzen und stehen geht nicht mehr so lange wie sonst und man braucht mehr Pausen. Die Wirbelsäulenverkrümmung hat außerdem Auswirkungen auf das Gleichgewicht und das Schmerzempfinden. Was aber leider oft zu kurz kommt, ist die Psyche und die vielen Fragezeichen im Kopf des Patienten und der Eltern. Ich erlebe als Therapeutin und Trainerin immer wieder, das das Selbstwertgefühl sehr darunter leidet ANDERS zu SEIN.

Psychische Probleme wie Ängste, Schlafstörungen, Grübeln, Depressionen, sozialer Rückzug, Mobbing, Trauer sind in meinem Behandlungsalltag die Regel und nicht die Ausnahme. Manche Patienten sind sehr resilient und haben eine innere Stärke, um mit diesen Herausforderungen umgehen zu können. Aber wenn diese Ressourcen nicht greifbar sind, das Hauptaugenmerk der Eltern, Ärzte und Therapeuten auf dem Körper liegt, dann wird dieses Kind allein gelassen mit seiner Psyche. Es ist aber oft professionelle Hilfe notwendig, denn Hilfe annehmen ist Stärke. 

Die Lebensqualität von Skoliotikern wird oft zusätzlich eingeschränkt, aber dies findet im Verborgenen statt und ist nicht immer sofort erkennbar. Wenn das 12 jährige Mädchen in der Schule wegen ihres Korsetts verunsichert ist, weil die anderen komisch gucken und sie sich nicht traut, das Korsett über ihr T-Shirt zu tragen, sondern es unter weiten Pullover versteckt. Sie im Sport nicht alles so gut mitmachen kann und sich nicht richtig fühlt. Sie sich schämt, weil ihr Rücken „schief“ ist und nicht dem „Idealbild“ entspricht. Sie aufgrund ihrer Schmerzen in der Nacht schlecht schläft und in der Schule am nächsten Tag unkonzentriert ist. Sie Angst hat, das sie operiert werden muss, wenn sie jetzt nicht super diszipliniert ist. Sie als junge Frau nicht weiß, ob die Skoliose Auswirkungen auf den Wunsch einer Schwangerschaft oder eines bestimmten Berufswunsches hat. Druck von Eltern, Therapeuten und Ärzten da sind, das sie zu Hause täglich üben muss. Sie traurig darüber ist, das sie nicht so ist wie andere Mädchen in ihrem Alter und es „sie getroffen hat“.

Diese Einschränkung der Lebensqualität kann als psychischer Stress zusätzlich körperliche Schmerzen und Muskelspannungen verursachen. Somit gelangen wir in einen Teufelskreis, der nicht einseitig betrachtet werden kann und darf!

Ein paar Auszüge aus dem, was Skoliotiker sich anhören müssen, von Ärzten und Mitmenschen:
- Du stehst total schief
- Lass doch die linke Schulter nicht so hängen
- ein Kind werden Sie nicht austragen können
- stell Dich doch nicht so an, jeder hat doch mal Rückenschmerzen
- wenn Du jetzt keine OP machst, dann ist alles vorbei
- Du hast ja voll den Buckel
- Du kannst nur noch weite Kleidung tragen
- …

Mussten Sie auch schlucken und tief durchatmen beim Lesen? Das ist leider oft noch Alltag für Skoliotiker. Worte sind so leicht daher gesagt, manchmal gar nicht bös gemeint, aber trotzdem sind sie
verletztend und verunsichernd.

Dieses erleben von ANDERS SEIN, macht was mit uns und es ist sehr wichtig, das dafür Raum ist,
denn die Skoliose ist nicht nur eine physische, sondern genauso eine psychische Herausforderung! Ja, Du hast eine Skoliose, aber Du bist nicht Deine Skoliose. Und als wäre das alles nicht schon herausfordernd genug, erleben die Skoliotiker beim Arzt und Physiotherapeuten, das ihr Körper ganz selbstverständlich vermessen, bewertet, angefasst, angeschaut und analysiert wird und das alles unter dem Deckmantel „das gehört dazu, da müssen Sie jetzt durch“.Aber es ist nicht normal, sich vor fremden Menschen auszuziehen, sich anschauen und anfassen zu lassen. Gerade in der Pubertät entsteht ganz schnell ein Schamgefühl, aber das 12 jährige Mädchen muss es aushalten. Mir wurde von einer Patientin neulich gesagt, das sie es nur schwer erträgt angefasst zu werden. Wenn die Patienten das 1. Mal ein Korsett angepasst bekommen, kann dies wie ein Gefängnis wahrgenommen werden. Sie fühlen sich eingesperrt, bekommen Luftnot, fühlen sich ihrer Freiheit beraubt. Andere nehmen es einfach hin und gewöhnen sich ganz schnell daran. Wenn das Korsett später abtrainiert wird, kann es passieren, das sich die Patienten total schutzlos fühlen, hilflos, weil die äußere Begrenzung auf einmal wegfällt. Auch das Spüren und gespürt werden kann sich durch ein Korsett verändern. Der Therapeut oder auch andere Menschen (Ehepartner) dringen dann plötzlich in den persönlichen Raum ein und auch das muss erst mal wieder verarbeitet und gespürt werden. Den Menschen mit seiner Skoliose zu sehen und nicht nur den Körper ist extrem wichtig. Es muss Raum geschaffen werden für die Erlebnisse, Erfahrungen und Gefühle innerhalb des Alltags, der Therapie und der Arztbesuche. Das 12 jährige Mädchen hat oftmals gar keine Worte, kann es nicht einfach kommunizieren, was sie erlebt, wie sie sich bei dem ganzen fühlt. Aber genau das ist so wichtig in der Arbeit mit Skoliotikern.

Ganzheitliche Skoliosetherapie umfasst deshalb oft auch Psychotherapie und kann schon allein in Form von Psychoedukation sehr wertvoll für die Angehörigen sein. Manchmal haben die Eltern ein schlechtes Gewissen, das sie die Skoliose nicht vorher erkannt haben oder ihrem Kind nicht früher gesagt haben, das es sich gerade halten soll. Dieses schlechte Gewissen führt oftmals zu enormen Druck auf die Kinder. „Jetzt musst Du 2x Woche zur Physiotherapie gehen, die anderen Tage zum Sport, jeden Abend 30 Minuten Hausaufgabenübungen machen und dann solltest Du jetzt abnehmen und, und,und. 

Raum geben für Gespräche, in denen das 12jährige Mädchen und auch die Eltern getrennt voneinander ganz wertfrei reden können, ihre Gefühle aussprechen können ist sehr wichtig.

In der Verhaltenstherapie kann man sich mit Schlafhygiene, Akzeptanz und Achtsamkeit, Selbstannahme und Stressmanagement beschäftigen. Themen wie Trauer, Angst und Depression sollten angesprochen werden. 

Als Heilpraktikerin für Psychotherapie arbeite ich mit der Bioenergetik in der Atem- und körperzentrierten Psychotherapie. Dabei ist es sehr wertvoll für meine Patienten ihre Gefühle erst
einmal im Körper wahrzunehmen. Ihren Körper nicht nur auf physischer Ebene, sondern auch im psychischen Kontext zu erspüren.

Ohne Wertung, ohne Leistung, ohne Erwartung den Körper und die Atmung neugierig zu beobachten und zu entdecken ist oft sehr befreiend. Seine Gefühle zum Ausdruck bringen zu können und die Erfahrung in einem geschützten Raum zu machen, das man mit seinen Gefühlen gesehen wird, ist heilsam. Selbstregulation zu erlernen ist sehr hilfreich und stärkt die Selbstwirksamkeit, besonders bei Jugendlichen. Als Entspanungspädagogin habe ich die Erfahrung gemacht, das auch Körperreisen, Meditation und die Entspannungsmethoden AT und PMR sehr hilfreich sind, um positiv auf die Physis und die Psyche regulatorisch Einfluss zu nehmen.

Wenn im Kindes- und Jugendalter die psychischen Probleme nicht erkannt und bearbeitet werden,
dann kann das im Erwachsenenalter zu Körperbildstörungen, Depressionen, sozialer Isolation oder
Angststörungen führen.

Nicht jeder Mensch mit einer Skoliose braucht Psychotherapie, aber es sollte hingeschaut und angesprochen werden ob Bedarf besteht. Wenn Du deinem Körper nicht vertrauen kannst, dann
wird es schwer mit ihm zu arbeiten. Deshalb ist ein wohlwollender Blick sehr hilfreich. "Aufrichtung des äußeren Menschen wird erst dann gelingen, wenn es gelingt den inneren Menschen aufzurichten, ihm einen hoffnungsvollen Ausblick zu eröffnen, ihn aufatmen zu lassen." "Lasse ich mich innerlich gehen und meinen Körper fehlerhaft hängen, so wächst der Körper ebenso fehlerhaft, denn meine innere Einstellung gibt dem äußeren Geschehen die Richtung" Zitat von Katharina Schroth, der Erfinderin der Skoliose-Schroth Therapie.

Deshalb ist es mir als Physiotherapeutin, Schroth-Therapeutin und Heilpraktikerin für
Psychotherapie sehr wichtig, auf die psychischen Probleme bei einer Skoliose aufmerksam zu
machen.

 

Text: Ina Hanken, Praxis für integrative Atem und Körpertherapie in München

VÖ: 20.03.2026