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Der Ursprung unserer heutigen Beziehungsqualität

Sich als Kind sicher und geliebt zu fühlen, ist die Basis unserer heutigen Beziehungen. Der Kinderpsychiater und Psychoanalytiker John Bowlby entwickelte zusammen mit der Psychologin Mary Ainsworth und dem Psychoanalytiker James Robertson um 1950 die Bindungstheorie. Heute findet diese Anwendung im Bereich der Psychotherapie und Pädagogik. 

Bindung ist nach Bowlby unsere „emotionale Nahrung“, die als Grundbedürfnis einzustufen ist, ganz genauso wie Essen, Schlaf, Atmung und Bewegung. Das Streben nach Beziehungen zu anderen Menschen sei spezifisch menschlich, von Geburt an vorhanden und würde bis ins hohe Alter anhalten. 1967 prägt Mary Ainsworth den Begriff der „sicheren Bindung“: Fühlt sich ein Kind sicher, kann es sich von der Bindungsperson entfernen und erkundet die Umwelt. Ist ein Kind dagegen ängstlich und besorgt, sucht es ständig die Nähe der Bindungsperson. Als primäre Bindungsperson sieht Bowlby in erster Linie die Mutter, gefolgt von Vater, Oma, Opa usw.. Doch auch eine andere Person - als die Mutter - kann die primäre Bindungsperson sein. Es geht darum, wer sich zeitlich am meisten um das Kind kümmert. Für die spätere Bindungsqualität ist die Feinfühligkeit der Bezugspersonen besonders entscheidend! Wichtigste Komponente ist also: Reagiert die primäre Bezugsperson auf die Bedürfnisse des Kindes feinfühlig? Unsere frühen Bindungserfahrungen bilden die Wurzel unseres heutigen Bindungsverhaltens, d.h. ob wir leicht Bindungen eingehen können, wie schnell wir anderen vertrauen, ob wir überhaupt anderen Menschen vertrauen können, ob wir Nähe und Geborgenheit zulassen können und ob wir in der Lage sind zu verzeihen. Zu diesen Kindheitsprägungen kommen dann alle Erfahrungen hinzu, die wir im weiteren Leben sammeln und es entsteht das Ergebnis: Wie wir heute sind, mit all unseren Denk- Verhaltens- und Bindungsmustern.

 

Nach John Bowlby können wir 4 Bindungstypen bei Kindern klassifizieren:

 

Sichere Bindung: Kinder mit einer sicheren Bindung haben eine emotional offene Haltung und können ihre Gefühle frei zeigen / äußern.

 

Unsicher-vermeidende Bindung: Diese Kinder zeigen eine sogenannte „Pseudounabhängigkeit“ von der Bezugsperson und ein Kontakt-Vermeidungsverhalten zu anderen Menschen. Als Strategie beschäftigen sie sich primär mit Spielzeug, um nicht in den Kontakt mit anderen Menschen zu kommen. Man nennt es „Stress-Kompensationsstrategie“.

 

Unsicher-ambivalente Bindung: Diese Kinder zeigen ein widersprüchliches / ambivalentes und anhängliches Verhalten gegenüber der Bezugsperson.

 

Desorganisierte Bindung: Kinder mit diesem Bindungsmuster zeigen Verhaltensweisen mit stereotypen Bewegungen, die vermutlich zur Stressreduktion genutzt werden. Sie drehen sich im Kreis, schaukeln hin und her oder erstarren. Auch völlige Emotionslosigkeit ist denkbar.

 

Die sichere Bindung liegt in Deutschland mit einer Häufigkeit von 60–70 % vor. Sicher gebundene Kinder zeigen später adäquateres Sozialverhalten, mehr Kreativität, eine längere Aufmerksamkeit, höheres Selbstbewusstsein und weniger depressive Symptome. In weiteren Studien zeigten sie sich offener und aufgeschlossener für neue Sozialkontakte mit Erwachsenen und Gleichaltrigen als vermeidende oder ambivalent gebundene Kinder. An dieser Stelle der Hinweis auf hochsensible Kinder! Diese können trotz sicherer Bindung – wegen des sensiblen Persönlichkeitsmerkmals - weniger offen für neue Kontakte sein. Frühe Bindungserfahrungen können darüber hinaus einen neurophysiologischen Einfluss ausüben. Es konnte ein Einfluss von Bindungserfahrungen auf die Ausbildung der Rezeptoren des Hormons Oxytocin gefunden werden, welches wiederum das Bindungsverhalten beeinflussen kann.

 

Die Bindungen der Kindheit haben also Einfluss auf unser Leben als Erwachsene. Daher ein kurzes Beispiel zu der distanziert-beziehungsabweisenden Bindungseinstellung von Erwachsenen: Erwachsene mit diesem Bindungsmuster können sich schlecht an ihre eigene Kindheit erinnern (separat zu betrachten: traumatische Kindheit, da können Amnesien / Erinnerungslücken vorkommen), sie haben viele Erinnerungen verdrängt. Oftmals idealisieren sie ihre Eltern und verleugnen, die Folgen von fehlender Feinfühligkeit in der eigenen Kindheit. Kinder dieser Erwachsenen - mit distanziert-beziehungsabweisenden Bindungsmustern - werden häufig früh unter Leistungsdruck gesetzt und dazu oftmals ignoriert, wenn sie Unterstützung gebrauchen können. Zusätzlich gefällt es diesen Eltern häufig, wenn ihre Kinder anhänglich bleiben. Ein Beispiel von vielen, wie die Muster weitergegeben werden können.

 

Das Thema der Bindung zeigt deutlich, wie wichtig es also ist, sein eigenes Bindungsmuster sowie Zusammenhänge zu erkennen und ggf. daran zu arbeiten. Oftmals werden nicht nur Bindungs- sondern auch Erziehungsmuster von Generation zu Generation weitergegeben. Doch das muss nicht so sein. Wir können bewusst darauf Einfluss nehmen. In erster Linie können wir akzeptieren, dass unsere Kindheit nicht mehr veränderbar ist, dass unsere primäre Bezugsperson nach besten Möglichkeiten und dem ihr zur Verfügung stehenden Wissen gehandelt hat und wir können hier und jetzt die Verantwortung für unsere heutigen Beziehungen übernehmen!

 

Text:

Sabrina Fröhlich, Heilpraktikerin auf dem Gebiet der Psychotherapie