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Gestalttherapie – was ist das?

Seit fast 40 Jahren beschäftige ich mich nun mit Gestalttherapie und diese Frage bringt mich immer noch in Verlegenheit. Es ist tatsächlich nicht einfach, eine Antwort darauf zu geben.

Zum einen ist die Theorie abstrakt und komplex; zum anderen die Praxis für jemanden, der sie nicht kennt, schwer nachvollziehbar zu beschreiben und schließlich sehen Gestalttherapeuten -  was  typisch für sie ist - die Frage immer im Kontext des Fragestellenden, der Situation, möglichem Hintergrund und Motivation, der eigenen Befindlichkeit etc. (kurz : sie beachten das „Feld“ , den Zusammenhang, in dem Fragen gestellt werden)) und entsprechend anders fällt die Antwort jeweils aus. – Und obwohl  ich das Grundlagenbuch der Gestalttherapie jedes Jahrzehnt erneut und wiederholt gelesen habe, erschließen sich mir immer noch neue Tiefen und bisher Unverstandenes…Soweit jetzt verwirrt?! - Ein guter Anfang!

Zur Wortklärung: Gestalttherapie ist nicht Gestaltungstherapie, mit der sie gerne schon mal verwechselt wird. Es geht nicht um bildnerisches Gestalten im Rahmen von tiefenpsychologischer  Kunsttherapie. Der Begriff „Gestalt“ meint auch nicht die äußere Gestalt, Erscheinung, sondern stammt von einer bestimmten Richtung in der Psychologie ab, der Gestaltpsychologie nämlich, die eine wichtige  Wurzel der Gestalttherapie war.

Beginnen wir  erstmal mit dem Historischen: 1951 erschien in New York ein eigenwilliges  Buch mit dem Titel „Gestalttherapy“  - eine schwere Kost. Drei Autoren tauchten als Verfasser des Werkes auf:

  • Frederick Perls, ein deutscher Psychiater und unorthodoxer Psychoanalytiker, ständig äußerlich und innerlich in Bewegung, der sich im Laufe seines Lebens mit Expressionismus, Existentialphilosophie, Phänomenologie, Gestaltpsychologie, Holismus, Zen, dem Kibbuzmodell u.a. beschäftigte…
  • der New Yorker Paul Goodman, linksintellektueller Sozialphilosoph, Schriftsteller, Alternativpädagoge, Anarchist und ein führender  Kopf der amerikanischen Protestbewegung…
  • Ralph Heferline, ein amerikanischer behavioristischer Professor für Experimentalpsychologie, Klient von F. Perls, der die zahlreichen gestalttherapeutischen Übungen und Selbstexperimente im ersten Teil des Buches entwickelt hatte.
  • Dazu kam - relativ im Hintergrund wirkend - Lore Perls  (Perls Frau), eine deutsche Gestaltpsychologin und Psychoanalytikerin, interessiert an körpertherapeutischen Verfahren, die das Buch mitdiskutierte, und bis 1990 die Gestalttherapie mitprägte.

 Aus dieser bunten Mischung entstand eine einmalige gemeinsame Arbeit, in der verschiedene damals  bestehende Theorien assimiliert wurden. Gleichzeitig wurde die derzeitige Therapielandschaft kritisiert und Gestalttherapie in Abgrenzung dazu formuliert. 1952 gründete sich das erste Gestalttherapie- Institut in New York. Das Buch war insofern aufsehenerregend, als deren Aussagen im Gegensatz zu  üblichen Auffassungen über Psychotherapie, therapeutischer Haltung, Gesundheit und Krankheit, Normalität, Aggression, Konflikte u.a. standen. Zum Zweiten ist das Buch immer noch aufsehenerregend, weil es schon in der 50er Jahren des konservativen  Nordamerika Ansichten vertrat, deren Bedeutung und Wahrheit  durch neuere Forschungen und Ergebnisse  der  Neuropsychologie, Säuglingsforschung, Psychotherapieforschung, Konstruktivismus und systemischer Theorie bestätigt werden und die auch heute noch durchaus aktuell sind.

 

Dazu  ein paar Beispiele zur therapeutischen Haltung in der Gestalttherapie:

  • Der Patient ist ein aktiver Partner, Lehrling seines eigenen Heilungsprozesses; statt passiver Empfänger von Therapie und Medikamenten
  • Das Selbst heilt sich selbst; nicht der Therapeut (Selbstregulation)
  • Leiden und Konflikte sind nötig um zu wachsen und Altes aufzulösen; statt Symptome zu bekämpfen, die verschwinden sollen
  • Symptome sind nicht einfach weg zu therapierende Leidenselemente, sondern sowohl „Ausdruck einer lebendigen kreativen Schöpfung unserer Person unter schwierigen Bedingungen zum Zwecke des Schutzes“ als auch eine Abwehr von Lebendigkeit
  • Auch der Therapeut muss sein Festklammern an einer Theorie aufgeben, und darf die Natur des Menschen und die Normen seiner Therapie nicht als unwandelbar annehmen
  • Der Gestalttherapeut läßt sich - nicht nur emotional, sondern  auch wörtlich – berühren und zeigt sich durchaus authentisch („Dialogische Beziehung“).

Anderes:

  • „Kontakt ist die einzige Realität.“
  • „Fundamentale theoretische Irrtümer sind ausnahmslos persönlichkeitsbedingt.“
  • „Je spontaner, desto lebensfähiger.“
  • „Therapie ist ein Angriff auf die Neurose.“
  • „Gestalt-Therapie ist zu schade, um den Gesunden vorenthalten zu werden.“
  • „Der Therapeut ist sein eigenes Instrument:“

So…das zum ersten Eindruck.

 Was meint Gestalttherapie eigentlich mit Gestalt? Allein die Antwort auf diese Frage kostet in der Regel mindestens zwei Jahre Ausbildung (und dieser Artikel hat nicht den Anspruch, Gestalttherapie vollständig zu erklären, sondern nur einen kleinen Geschmack zu geben; denn was es ist, erfährt man in der Ausbildung oder als Klient). Eine Gestalt ist eine in sich geschlossene Ganzheit von Elementen, die eine bestimmte Qualität hat.  - Aha. -  Beispiel: ein psychischer Prozess, der Anfang, Ende, Sinn, Energie und Richtung hat unter Beteiligung körperlicher, emotionaler, kognitiver Aspekte, was  einen integrativen Charakter hat. -  Besser?  -  Beispiel: Aufgrund einer Situation in der Therapie kommt mir eine vergessene belastete Erinnerung, die ein Gefühl auslöst, das ich ausdrücke, was ich vorher nicht konnte, spüre die körperliche Beteiligung und Erleichterung, die das bewirkt, verstehe den damaligen Zusammenhang der beteiligten Personen und fühle mich insgesamt besser.

 Dass Gestalttherapie nicht eine reine Psychotechnik ist, die psychisch Kranke wieder gesellschaftsfähig macht und anpasst, zeigt sich an ihren -  sich bereits aus der Theorie ergebenden-  politischen Implikationen: Das sich entwickelnde Selbst des Menschen hat prinzipiell die Kompetenzen, sich in der Welt zu orientieren, sich anzupassen, zu wachsen und die Welt zu verändern, Neuerungen zu schaffen.  Diese Fähigkeiten der Selbstregulierung zu  reaktivieren, ist das langfristige Therapieziel. Allerdings ist die Frage dann, wie ein psychisch gesunder Mensch (im Sinne der Gestalttherapie !) in einer neurotischen Gesellschaft lebt. Hier zeigt Gestalttherapie ihre Grenze auf: ab einem Punkt ist die Anpassungsfähigkeit an eine ungesunde Umwelt nicht ohne Schäden möglich und Therapie muss in Politik übergehen, in  Veränderung und Gestaltung. Eine psychisch gesunde Persönlichkeitsstruktur ist nur so psychisch gesund, wie es in den bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen geht. Hier wird von einer „epidemischen Neurose mit normalen Unauffälligkeiten“ oder „Symptomen der Normalität“ gesprochen:

  • Isolation und Kontaktlosigkeit
  • Unbefriedigtsein , Konsum und Suchtformen
  • Impotenz
  • Affektlosigkeit und Eintönigkeit, Langeweile
  • „Verbalismus“
  • Psychosomatische Störungen

 Die epidemische Neurose ist die „angemessene“, „konstruktive“ Antwort auf eine irrationale, kranke Gesellschaft, die die Selbstregulierung  und menschliche  Natur deformiert. Gemeint ist hier natürlich die westliche Zivilisation.

 

Hat sich seit 1951 da etwas grundlegend verändert?

 Gestalttherapie in der Praxis  ist kein „Manual“, also ein „evidenzbasiertes“ therapeutisches Programm von Interventionen, das auf eine spezifische, diagnostizierte Störung angewandt wird. Hier wird die Störung, nicht der Mensch gesehen, was der Gestalttherapie gegen ihren humanistischen  Strich geht. Da der Gestalttherapeut mit seiner Persönlichkeit arbeitet  (was in klassischer Psychotherapie zwar auch geschieht, aber von den Therapeuten vergessen wird, wenn sie ihre professionelle Weißkittel –Rolle spielen), ist die konkrete Therapie generell  höchst individuell und - was nicht so gern in der allgemeinen Therapeuten- Zunft gesehen wird – auch weniger wissenschaftlich als künstlerisch geprägt. 

Von den USA aus, wo sich verschiedene Gestalttherapie- „Stile“ entwickelten, verbreitete sich diese Therapieform und kam in den 1970er Jahren nach Deutschland, wo sich seitdem ebenso verschiedene Richtungen und Stile bildeten. Weiterhin gibt es Kontroversen und neue Entwicklungen innerhalb der Gestalttherapie – wie sollte es auch anders sein. Inzwischen sind in die Praxis anderer Therapieverfahren stillschweigend bewährte Elemente der Gestalttherapie eingegangen, so z.B. Awareness („Achtsamkeit“), die Betonung der therapeutischen Beziehung, Das Hier und Jetzt oder der „Heisse Stuhl“… Gestalttherapie ist derzeit in Deutschland - wie  andere Therapieformen auch - zu Unrecht (…oder Recht, würden andere sagen…)  - kein  bei Krankenkassen zugelassenes Verfahren  wie Psychoanalyse,  tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie oder Verhaltenstherapie, weil deren Wissenschaftlichkeit  erst geprüft werden muss - was aber Österreichs Gesundheitssystem nicht hinderte, sie als Kassenleistung aufzunehmen.  

Nun ist Gestalttherapie als theoretisches Gebäude zu beschreiben etwas anderes als Gestalttherapie zu erleben. Man kann das Gründungsbuch lesen und wird vieles rein theoretisch nachvollziehen, oder eher nicht. Um WIRKLICH zu erfassen was Gestalttherapie meint, kommt man nicht um die Erfahrung herum.  (Dadurch wird es auch erst möglich, das Buch „nachzufühlen“)

 

Gestalttherapie ist nicht nur eine Theorie der Persönlichkeit und Psychotherapie, also eine mögliche Sichtweise auf die Welt und den Menschen, sondern es ist auch eine Art zu leben.

 Autor: Jürgen Kendziora

 Praxiseintrag

 

 

 

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